Eine Vulva ist wie ein alter Traktor
Von Traktoren, Marathons und dem Mut hinzuhören
Als Spezialistin für sogenannte interne Techniken (vaginal & rektal) komme ich zwangsläufig mit dem Thema Sexualität in Berührung.
Nicht, weil immer alles wunderbar funktioniert – sondern meist genau deshalb, weil es das eben nicht tut.
Sexualität ist in meiner Arbeit selten lustvoll, oft schmerzhaft, manchmal blockiert, fast immer komplex. Und genau deshalb waren diese zwei Weiterbildungstage so intensiv.
Die Vorträge hätten unterschiedlicher – und gleichzeitig schwerer – kaum sein können.
Psycholog*innen erklärten, was sexueller Missbrauch mit einem Menschen macht: mit dem Körperbild, dem Selbstwert, der Fähigkeit, Nähe zuzulassen. Wie oft Selbstliebe dabei auf der Strecke bleibt. Und wie häufig Betroffene Jahre später mit chronischen Beckengürtelschmerzen, Blasenfunktionsstörungen oder diffusen Beschwerden kämpfen.
Die Polizei gab Einblick in ihre Arbeit: wie man Opfern begegnet, welche spezialisierten Einheiten es gibt, wie Beweissicherung abläuft – und wie unterschiedlich dieser Prozess bei Erwachsenen und Minderjährigen ist. Jurist*innen erklärten, was rechtlich geschieht, sobald eine Meldung eingeht.
Die Zahlen dazu?
Erschreckend.
Die Stimmung?
Schwer. Sehr schwer.
Und trotzdem: Diese Tage haben mich nicht gelähmt – sondern wach gemacht.
Ich habe gelernt, wie man das Thema Missbrauch ansprechen kann. Wie man fragt, ohne zu überfahren. Wie man zuhört, ohne zu urteilen. Und ich hoffe, künftig den Mut zu haben, bei einem unguten Gefühl genauer hinzuschauen – und hinzuhören.
Zwischendurch ging es dann um eine fast banale, aber enorm wichtige Frage:
Was brauchen Menschen – Frauen wie Männer – um Intimität zu finden?
Die Antwort ist erstaunlich bodenständig.
Grundbedürfnisse zuerst:
Hunger, Durst, Kälte? Eher schlechte Voraussetzungen.
Dann Sicherheit: Respekt, Einverständnis, Vertrauen.
Und erst danach kommt Intimität.
Studien zeigen übrigens: gedämpftes Licht, geschlossene Storen und eine Kuscheldecke wirken Wunder.
Voilà – das Kochrezept für Oxytocin, unser Lieblings-Sex-Hormon.
Und falls es mit etwas Zeit (ja, 15–20 Minuten sind insbesondere bei Frauen eher Regel als Ausnahme) immer noch nicht klappt:
👉 Fachperson konsultieren. Ohne Scham. Wirklich.
Ein weiteres grosses Thema war Gendergesundheit.
Als wen ich mich sehe, sagt nichts darüber aus, wen ich liebe.
Was ich zwischen den Beinen trage, sagt nichts darüber aus, wie ich mich nach aussen zeige.
Schon mal vom Genderbread gehört? Wenn nicht – sehr empfehlenswert 🍞
Auch spannend (und wichtig):
Wie häufig Erektions- und Ejakulationsstörungen sind. Und dass sie nicht selten Frühwarnzeichen für ernsthafte Stoffwechselprobleme wie Bluthochdruck oder Diabetes darstellen.
Kurz gesagt: Wenn die kleinen Gefässe „da unten“ nicht mehr richtig funktionieren, lohnt sich der Blick auf das grosse Ganze.
Ohne Stress, ohne psychosoziale Belastung – aber mit Problemen? 👉 Hausarzt first.
Und dann… zum Abschluss… kam sie:
Eine grossartige, herrlich ehrliche Sexologin. Und sie brachte Humor dahin zurück, wo er dringend gebraucht wird.
Ein paar ihrer Metaphern möchte ich euch nicht vorenthalten:
„Eine Vulva ist wie ein alter Traktor.“
Er braucht gut 20 Minuten, bis er warmgelaufen ist –
aber dann ackert er locker 20 Felder, wenn es nötig ist.
„Masturbation ist wie ein 100-Meter-Sprint.“
Wir wissen genau: wie, wo, was –
schnell, effizient, zielgerichtet.
„Partnersex ist ein Marathon.“
Er dauert.
Manchmal ist er anstrengend.
Es gibt Durststrecken, Wartephasen, Sprints.
Und vor allem braucht er eines: Zeit.
Zwei intensive Tage.
Viel Schwere.
Viel Erkenntnis.
Und – zum Glück – auch Lachen.
Danke fürs Mitlesen. 💛
